Ansprache Bürgermeister Karl Heinz Simon
am 16.11.2008
anlässlich des Volkstrauertages am Ehrenmal in Zell
„Abwesend und doch anwesend“ habe ihn sein gefallener Bruder durch seine „Kindheit begleitet“ so schreibt der deutsche Schriftsteller Uwe Timm, in seinem Buch „Am Beispiel meines Bruders“.
Ihm fehlte, als er aufwuchs, der große Bruder, der nicht mehr da und dessen Grab in der Sowjetunion damals auch nicht erreichbar war. Doch gleichzeitig war der Bruder stets anwesend in der Trauer und den Erinnerungen der Eltern an diesen Sohn, der nur 19 Jahre alt werden konnte.
Uwe Timms Bruder Karl-Heinz ist „nur“ Einer. Einer von Millionen von Brüdern und Schwestern, Söhnen und Töchtern, Ehemännern und Ehefrauen, Vätern und Müttern, an die wir heute, am Volkstrauertag, erinnern.
Wir gedenken all der Menschen, die Kriegen und Gewaltherrschaft zum Opfer fielen. Wir trauern um sie, die Abwesenden, und wir trauern mit ihren Angehörigen, für die sie anwesend blieben, bis heute.
Der Volkstrauertag, meine Damen und Herren, ist ein stiller Gedenktag. Er gibt der Trauer Raum; er lässt uns innehalten, um nachzudenken über die Toten und das, was ihr Tod uns heute sagt.
Der Volkstrauertag ist ein Gedenktag, dem Schreckliches, dem bis heute Unfassbares zugrunde liegt. Er erinnert an die Soldaten, die in zwei Weltkriegen fielen oder in Kriegsgefangenschaft starben, er erinnert an Zivilisten, die im Bombenhagel, auf der Flucht oder bei Vertreibung umkamen, und an Zwangsarbeiter, die die harten und unmenschlichen Bedingungen nicht überlebten.
Er erinnert an die Frauen, Männer und Kinder, die in Gestapo-Gefängnissen oder Konzentrationslagern ermordet wurden, an Tote, für die es nicht einmal ein Grab gibt. Und der Volkstrauertag gedenkt der Opfer von Krieg und Gewalt in heutiger Zeit.
Noch leben unter uns Menschen, die Opfer des letzten Weltkriegs oder des Nazi-Terrors persönlich kannten und die damals Angehörige oder Freunde verloren haben.
Ihr Leid wird sich mit den Jahren gelindert haben, aber die Erinnerung an die Abwesenden ist geblieben. Sie ist vielleicht mit den Jahren sogar deutlicher und präsenter geworden.
Vieles fällt einem ja erst wieder ein, wenn man ein Alter erreicht, in dem man mehr Zeit und Ruhe hat und in dem man sein eigenes Leben überdenkt. Und deshalb ist für sie, auch mehr als 60 Jahre nach Kriegsende und dem Untergang der NS-Diktatur, der Volkstrauertag ein persönlicher Gedenktag, ein Tag, der ihnen viel bedeutet.
Für viele unserer Mitmenschen jedoch sind die Weltkriege und das NS-Regime ferne Zeiten. Sie haben die Schreckensjahre nicht selbst erlebt und zum Teil auch nicht mehr mitbekommen, dass Erzählungen über den Krieg und den Alltag in einer Diktatur Familiengespräch waren. Was sie über jene Jahre wissen, das wissen sie aus dem Schulunterricht, aus Medien, Büchern und Filmen.
In diesem Jahr haben sie einiges über die Anfänge der Herrschaft der Nazis erfahren, die vor 75 Jahren an die Macht kamen und sogleich ihre menschenverachtende Diktatur errichteten.
Sie haben von den Geschwistern Hans und Sophie Scholl gehört, von ihrer studentischen Widerstandsgruppe, der „Weißen Rose“, die mit Flugblättern gegen die Judenverfolgung und den Krieg protestierte und die Bevölkerung aufzurütteln suchte.
„Die Trauer kehrt ein in die Hütten der Heimat, und niemand ist da, der die Tränen der Mütter trocknet“. So hieß es in einem ihrer Flugblätter.
1943, vor nunmehr 65 Jahren, wurden sie verhaftet und mussten ihre unerschrockene, nur ihrem Gewissen verpflichtete Haltung mit ihrem Leben bezahlen.
Jeder junge Mensch, der zum ersten Mal begreift, was Krieg und Gewalt bedeuten, sieht danach die Welt mit anderen Augen. Er erkennt, dass sein Leben im Hier und Jetzt, in unserem Land, das in Frieden mit seinen Nachbarn lebt und das die Menschenrechte wahrt, dass dieses Leben ein Geschenk ist. Ein Geschenk, das freilich auch eine Verpflichtung enthält. Denn Frieden und Freiheit sind Güter, um die immer wieder von Neuem gerungen werden muss, gestern, heute und morgen.
Heute leben wir in einer stabilen Demokratie und einem freien Land. Heute leben wir in einem Europa, das friedliche Nachbarschaft und immer mehr Gemeinsamkeit anstrebt. Doch in anderen Regionen der Welt sind Frieden und Freiheit nur eine Hoffnung, dort sind blutige Auseinandersetzungen und Unterdrückung Alltag.
Und im Zeitalter der Globalisierung können wir nicht so tun, als ginge uns das nichts an, denn ungelöste Konflikte ziehen in einer zusammenwachsenden Welt immer weitere Kreise.
Wir können nicht alle Konflikte lösen, aber wir können wachsam sein. Wenn irgendwo Blut vergossen wird, wenn die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wenn Gewalt und Terror herrschen, dürfen wir nicht wegsehen – ganz gleich, wo es geschieht und wer dafür verantwortlich ist.
Das gebietet die Menschlichkeit, das gebietet die Verantwortung, die uns das Gedenken an unsere Toten und der Respekt vor den Opfern auferlegt.
Gedenktage sind Tage der Erinnerung – und der Vergewisserung, was uns wichtig ist. Mit ihren Gedenktagen bringt eine Gesellschaft zum Ausdruck, auf welche Werte sie sich bezieht und was sie über die Generationen bewahren will. Gedenktage knüpfen deshalb eine Brücke von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft.
Wir sind heute bei allen Menschen, die um Opfer trauern. Wir sind heute mit allen Menschen verbunden, die Trauer empfinden angesichts des unermesslichen Leids der Vergangenheit. Und wir verstehen Trauer und Erinnerung als Verpflichtung, für das einzutreten, was die „Weiße Rose“ als Recht jedes Menschen ansah:
„... jeder einzelne Mensch“,
so hieß es in ihrem dritten Flugblatt,
„hat einen Anspruch auf einen ... gerechten Staat,
der die Freiheit des Einzelnen als auch das Wohl der Gesamtheit sichert“.
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