© Inge Faust

Volkstrauertag

Volkstrauertag

Ansprache von Bürgermeister Karl Heinz Simon zum Volkstrauertag 2013 in Zell (Mosel)

„Vergesst die Toten nicht!“ So hieß es 1919, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, im Aufruf zur Gründung des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Wir sind heute hier am Ehrenmal, weil wir die unzähligen Frauen, Männer und Kinder nicht vergessen wollen, die überall auf der Welt Opfer kriegerischen und rassistischen Wahns geworden sind.

Wir bekunden Respekt vor den Toten – und unsere Bereitschaft, darüber nachzudenken, was wir heute gegen Krieg und Gewalt tun können und sollten.

Wir erinnern an die dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte: an zwei Weltkriege und die Nazi-Diktatur.

Wir erinnern an immense Verluste, an die Leiden unzähliger Menschen.

Wir erinnern uns an zahlreiche Menschen, auch aus unserer näheren Heimat, die gefallen sind, durch Bomben umkamen, von den Nazis vertrieben oder ermordet wurden.

Der Volkstrauertag geht auf den Ersten Weltkrieg zurück. Fast auf den Tag genau vor nunmehr 95 Jahren, am 11. November 1918, endete ein vier lange Jahre währender Krieg, in dem Menschen in Materialschlachten verheizt wurden.

Dieser Krieg markierte eine neue, eine fürchterliche Dimension von Kriegführung. Er forderte etwa achteinhalb Millionen Tote, die nicht vergessen werden sollten.

„Vergesst die Toten nicht!“

Bezog sich der Volkstrauertag zunächst auf die Gefallenen, so gedenken wir heute auch der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Als die Nazis vor 80 Jahren an die Macht gelangten, errichteten sie sogleich ein Unrechtsregime:

Sie verfolgten und ermordeten Menschen allein deshalb, weil sie nicht in ihr rassistisches Bild passten; sie entfesselten den Zweiten Weltkrieg, der über 55 Millionen Tote forderte und an dessen Ende halb Europa in Trümmern lag.

"Vergesst die Toten nicht!“


Diese Mahnung bezieht sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Opfer von Krieg und Gewalt in unserer Zeit. Auch unsere Gegenwart ist von Gewalt, von Kämpfen, von Verletzungen der Menschenrechte geprägt. Das wissen wir durchaus, aber im Alltag blenden wir es meist aus.

Am Volkstrauertag halten wir inne, um auf das zu hören, was uns die Menschen sagen könnten, deren Lebensfaden durch Krieg und Gewalt jäh abgerissen oder denen unfassbares Leid angetan wurde.

Doch so selbstverständlich wie in den Nachkriegsjahrzehnten ist es nicht mehr, den Volkstrauertag zu begehen. Der Zweite Weltkrieg, der Untergang des NS-Regimes, liegen bereits 68 Jahre zurück. Unser Land hat große Anstrengungen unternommen, die Vergangenheit aufzuarbeiten und zu einer Versöhnung beizutragen.

Und wir leben heute in Deutschland in einer ganz anderen Welt. Wir haben eine stabile Demokratie, wir schätzen die Freiheit und die Rechte, die wir gewonnen haben.

Doch die Auswirkungen von Krieg und NS-Diktatur reichen bis heute. Die Bilder des Grauens haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Sich der Geschichte zu stellen, sensibilisiert dafür, auf bedrohliche Entwicklungen zu achten und das, was wir errungen haben, Frieden und Freiheit, hoch zu achten.

Der Volkstrauertag macht deshalb Sinn. Denn er bezieht sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern gleichermaßen auf Gegenwart und Zukunft.

Wir gedenken der Menschen, die ihr Leben viel zu früh verloren, wie wir auch darüber nachdenken, wie wir heute auf Krieg und Gewalt reagieren und was wir für Frieden und die Wahrung der Menschenrechte tun können.

Krieg, Gewalt, Rassismus und Fanatismus kennzeichnen auch unsere Zeit. Rechte Ideologie, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit sind – leider – nicht mit dem Dritten Reich untergegangen.

Wohin Hass auf Ausländer führen kann, mussten wir mit Entsetzen durch die Mordserie der nationalsozialistischen Terrorgruppe NSU, erkennen.

Die Kriege unserer Zeit hingegen finden meist weit entfernt von uns statt. Aber Deutschland ist involviert und wir beklagen über 100 Tote bei den Auslandseinsätzen.

Das heißt: In vielen Familien in Deutschland ist Krieg wieder ganz nah gerückt.

Mitten unter uns leben ehemalige Soldaten, die verletzt oder traumatisiert zurückgekehrt sind; mitten unter uns leben Angehörige, die einen Sohn, einen Vater, einen Ehemann verloren haben. Mitten unter uns leben Menschen, die vor Krieg oder Bürgerkrieg in ihrer Heimat nach Deutschland geflohen sind und vorher Schlimmes erleiden mussten.

Und wir müssen uns fragen, ob wir im Vorfeld immer genug tun, um Gewaltausbrüche zu verhindern bzw. um Konflikte rechtzeitig einzudämmen.

Es sieht manchmal so aus, als sei Krieg ganz normal – aber auch Annäherung und Verständigung sind machbar und normal. Die Entwicklung in Europa nach 1945 hat gezeigt, dass es die „Versöhnung über den Gräbern“ gibt.

Anfang des Jahres haben wir 50 Jahre Elysée-Vertrag gefeiert, den Beginn der deutsch-französischen Verständigung. Mutige und vorausschauende Menschen beider Länder haben dafür gewirkt, dass sich die Feinde von einst die Hände reichten und sich die europäischen Staaten immer enger zusammenschlossen.

Die EU ist nach den Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Friedensprojekt gestartet. Sie hat Stabilität, Demokratie und Wohlstand gebracht. Umso bedenklicher ist es, dass in Krisenzeiten wieder nationale Töne und Ressentiments um sich greifen.

1945 war ein friedlich geeintes Europa eine Vision, eine Utopie. Doch sie wurde in die Tat umgesetzt. Und wir sind es unserer Vergangenheit wie unserer Zukunft schuldig, an diesem Projekt festzuhalten.

Wir mögen es heute oft für selbstverständlich halten, in Frieden und Freiheit zu leben. Aber Frieden und Freiheit sind empfindliche Güter. Deshalb haben wir stets und überall achtsam zu sein.

Solange Menschen denken, dass sich politische, wirtschaftliche, ethnische oder religiöse Konflikte mit Krieg, Gewalt oder Terror lösen ließen, solange müssen wir deutlich machen, dass wir Krieg und Gewalt nicht hinnehmen, dass wir vielmehr alles daransetzen, Frieden, Freiheit und Demokratie zu bewahren und zu schützen.

Das will der Volkstrauertag vermitteln.

Und deshalb hat der Volkstrauertag, hat die Aufforderung „Vergesst die Toten nicht!“ nach wie vor einen Sinn.